Ich war schon die längste Zeit sehr kurzsichtig gewesen, als in meinem vierzehnten Lebensjahr endlich meine Sehschwäche erkannt wurde.
In der Schule galt ich als eigenbrötlerisch, weil ich nicht in mein Heft kopierte, was der Lehrer an die Tafel schrieb – ich konnte es ja nicht sehen. Wenn ich merkte, daß alle schrieben, schrieb ich, was mir gerade einfiel oder zeichnete einfach Muster in mein Heft. Ich kopierte also nicht das zu Kopierende, sondern die Kopierenden.
Beim Fußballspielen galt ich als eigensinnig, weil ich, wenn ich den Ball hatte, nicht abspielte: Ich sah die freien Mitspieler nicht. Wenn ich merkte, daß in meiner Nähe Mit– und Gegenspieler zu laufen begannen, lief ich augenblicklich in die selbe Richtung. Ich spielte also nicht mit, sondern spielte einen Mitspieler.
Was ich im Grunde immer sah, waren Muster, Raster, Ornamente, Farbanordnungen. Weiß auf Schwarz an der Tafel, oder die sich zueinander gruppierenden Farben der Dressen auf dem Fußballplatz. Dann wurde mir eine Brille verschrieben. Kopfschüttelnd wurde die Dioptrienzahl festgestellt, die ich benötigte. Warum ich denn nie etwas gesagt, warum ich nicht selbst darauf hingewiesen hätte, wie schlecht ich sehe? Wie hätte ich das tun können? Für mich war das, was ich sah und wie ich es sah, meine Realität und ich hatte keine andere gekannt. Ich hatte gelernt schlecht sehend sehr genau zu schauen und mich in dem, was ich wahrnahm, zu bewegen. Mit der Brille wurde meine Realität gegenständlich – und das Erstaunliche war, daß sie mir dadurch zunächst zerfiel. Nun sah ich zum Beispiel am Hinterkopf des Lehrers, der an der Tafel schrieb, eine sich lichtende Haarstelle, oder ich sah eine Hautunreinheit in seinem Nacken, was mir das Gefühl von Harmonie, die bislang im Ganzen zu liegen schien, raubte, und das zerstörte auch den Eindruck von der Sinnhaftigkeit jedes Tupfens, jedes Flecks, kurz: jedes Teilchens für die Anordnung des Ganzen. Oder ich sah in den Lichtbahnen, die manchmal durch die Fenster hereinfielen, den Staub tanzen – das war kein Licht mehr, das in diesem dunkel möblierten, nach Schweiß und Lysoform stinkenden Klassenzimmer Streifen um Streifen eine erhellende Ordnung für die Augen machte, sondern davon ablenkte. Ins Licht gesetzt waren jetzt die belanglosesten Partikel.
Es ist seltsam, daß die Anordnung von Licht und Schatten, von Farben und Flächen nicht präziser erschien, als ich mit meiner Brille zu sehen lernte, sondern im Gegenteil unklarer und in ihrer Struktur verschwommener. Ich mußte nicht nur lernen, neu zu sehen, sondern vor allem auch – um endlich sehend überhaupt erst sehen zu können – zweifach zu sehen: Die Vielfalt und irgendwo darin die gewohnte Reduktion und Abstraktion. Ich lernte also nicht nur im Licht die Staubpartikel zu sehen, sondern, viel entscheidender, dann wieder trotz Staubpartikel das Licht.
Ich glaube, daß Claus Prokop nichts anderes tut, als dies: Mit Mißtrauen gegenüber der „eigenen Brille“ alles neu zu sehen – und sich im Neugesehenen mit den Sehgewohnheiten auseinander zu setzen, sich durch sie im Ungewohnten zu orientieren. Er sieht zweifach und lenkt auch unseren Blick auf dieses zweifache Sehen: Er sieht Muster und Raster, wo Leben ist, und er sieht das Abbild des Lebens in dem, was wir mit Strukturen versehen. Kunst als Reflexion der Wirklichkeit ist immer eine Reflexion von Reflexionen – Wirklichkeit ist nicht anders zu haben: Sie ist bereits eine Reflexion, wenn wir sie zu reflektieren beginnen. Eine Reflexion der Reflexion ist aber zugleich deren Aufhebung, kein Bild, sondern Bild der Bilder, kein Gedanke, sondern Gedanke von Gedanken, also Raster, Muster, Struktur. Aber jedes Raster ist löchrig, und so mächtig die Sehgewohnheiten auch sind, sie funktionieren wie ein Sieb, durch die alles durchrinnt und sich zu neuen Mustern anordnet, was in ihm nicht aufgehoben sein kann.
Claus Prokop ist so eigenbrötlerisch und eigensinnig, wie ich es war, bevor ich zu sehen lernte. Er allerdings ist es auf hellsichtige Weise. Das sehe ich.
Robert Menasse
Vorwort zum Katalog „Claus Prokop“ 1998
In der Schule galt ich als eigenbrötlerisch, weil ich nicht in mein Heft kopierte, was der Lehrer an die Tafel schrieb – ich konnte es ja nicht sehen. Wenn ich merkte, daß alle schrieben, schrieb ich, was mir gerade einfiel oder zeichnete einfach Muster in mein Heft. Ich kopierte also nicht das zu Kopierende, sondern die Kopierenden.
Beim Fußballspielen galt ich als eigensinnig, weil ich, wenn ich den Ball hatte, nicht abspielte: Ich sah die freien Mitspieler nicht. Wenn ich merkte, daß in meiner Nähe Mit– und Gegenspieler zu laufen begannen, lief ich augenblicklich in die selbe Richtung. Ich spielte also nicht mit, sondern spielte einen Mitspieler.
Was ich im Grunde immer sah, waren Muster, Raster, Ornamente, Farbanordnungen. Weiß auf Schwarz an der Tafel, oder die sich zueinander gruppierenden Farben der Dressen auf dem Fußballplatz. Dann wurde mir eine Brille verschrieben. Kopfschüttelnd wurde die Dioptrienzahl festgestellt, die ich benötigte. Warum ich denn nie etwas gesagt, warum ich nicht selbst darauf hingewiesen hätte, wie schlecht ich sehe? Wie hätte ich das tun können? Für mich war das, was ich sah und wie ich es sah, meine Realität und ich hatte keine andere gekannt. Ich hatte gelernt schlecht sehend sehr genau zu schauen und mich in dem, was ich wahrnahm, zu bewegen. Mit der Brille wurde meine Realität gegenständlich – und das Erstaunliche war, daß sie mir dadurch zunächst zerfiel. Nun sah ich zum Beispiel am Hinterkopf des Lehrers, der an der Tafel schrieb, eine sich lichtende Haarstelle, oder ich sah eine Hautunreinheit in seinem Nacken, was mir das Gefühl von Harmonie, die bislang im Ganzen zu liegen schien, raubte, und das zerstörte auch den Eindruck von der Sinnhaftigkeit jedes Tupfens, jedes Flecks, kurz: jedes Teilchens für die Anordnung des Ganzen. Oder ich sah in den Lichtbahnen, die manchmal durch die Fenster hereinfielen, den Staub tanzen – das war kein Licht mehr, das in diesem dunkel möblierten, nach Schweiß und Lysoform stinkenden Klassenzimmer Streifen um Streifen eine erhellende Ordnung für die Augen machte, sondern davon ablenkte. Ins Licht gesetzt waren jetzt die belanglosesten Partikel.
Es ist seltsam, daß die Anordnung von Licht und Schatten, von Farben und Flächen nicht präziser erschien, als ich mit meiner Brille zu sehen lernte, sondern im Gegenteil unklarer und in ihrer Struktur verschwommener. Ich mußte nicht nur lernen, neu zu sehen, sondern vor allem auch – um endlich sehend überhaupt erst sehen zu können – zweifach zu sehen: Die Vielfalt und irgendwo darin die gewohnte Reduktion und Abstraktion. Ich lernte also nicht nur im Licht die Staubpartikel zu sehen, sondern, viel entscheidender, dann wieder trotz Staubpartikel das Licht.
Ich glaube, daß Claus Prokop nichts anderes tut, als dies: Mit Mißtrauen gegenüber der „eigenen Brille“ alles neu zu sehen – und sich im Neugesehenen mit den Sehgewohnheiten auseinander zu setzen, sich durch sie im Ungewohnten zu orientieren. Er sieht zweifach und lenkt auch unseren Blick auf dieses zweifache Sehen: Er sieht Muster und Raster, wo Leben ist, und er sieht das Abbild des Lebens in dem, was wir mit Strukturen versehen. Kunst als Reflexion der Wirklichkeit ist immer eine Reflexion von Reflexionen – Wirklichkeit ist nicht anders zu haben: Sie ist bereits eine Reflexion, wenn wir sie zu reflektieren beginnen. Eine Reflexion der Reflexion ist aber zugleich deren Aufhebung, kein Bild, sondern Bild der Bilder, kein Gedanke, sondern Gedanke von Gedanken, also Raster, Muster, Struktur. Aber jedes Raster ist löchrig, und so mächtig die Sehgewohnheiten auch sind, sie funktionieren wie ein Sieb, durch die alles durchrinnt und sich zu neuen Mustern anordnet, was in ihm nicht aufgehoben sein kann.
Claus Prokop ist so eigenbrötlerisch und eigensinnig, wie ich es war, bevor ich zu sehen lernte. Er allerdings ist es auf hellsichtige Weise. Das sehe ich.
Robert Menasse
Vorwort zum Katalog „Claus Prokop“ 1998